„Abschied von gestern“ – Ein Film von Alexander Kluge. F.A.Z. Filmedition „Momente des deutschen Films“.
Eine Frau geht zwischen den Systemen verloren: Abschied von gestern von Alexander Kluge
Anita G. ist eine junge Frau, die von sich sagt: Ich friere auch im Sommer. Der Richter, vor dem sie sich zu verantworten hat, sagt: Nach der Lebenserfahrung ist das ungewöhnlich. Das Delikt betrifft eine Strickjacke, die Anita G., Krankenschwester in Braunschweig, aus dem Spind einer Kollegin genommen und an sich gebracht hat. Dass sie gar nicht versucht hat, die Jacke später auch zu verstecken, spricht für ein geringes Unrechtsbewusstsein. Der Richter, ein wohlgenährter Mann, möchte mehr wissen. Wo kommt Anita G. eigentlich her? Aus Leipzig. Geboren wann? 1937. Sie ist 22 Jahre alt in dem Moment, in dem der Bericht über ihre Geschichte beginnt, den Alexander Kluges Film Abschied von gestern darstellt. Es gibt gute Gründe, ihr weitere Fragen zu stellen. Anita G. ist also herübergekommen aus der Zone. Warum? Ich fühlte mich nicht sicher. Dieser Satz ist von entscheidender Bedeutung, denn Sicherheit ist für Anita G. unerreichbar, im Osten wie im Westen. Während des Verfahrens streift der Richter an ein mögliches Motiv - ihre jüdischen Großeltern wurden 1936 geschädigt, hier könnte man nachhaken, der Richter tut das Gegenteil: Aber lassen wir das, es liegt zurück.
Abschied von gestern, entstanden Mitte der sechziger Jahre, zwanzig Jahre nach der Befreiung, wenige Jahre nach der endgültigen Teilung Deutschlands durch die Mauer, ist in jeder Hinsicht ein Gegenwartsfilm - die Frisuren sind modern, die Lücken in den Städten werden allmählich geschlossen, die Bundesrepublik fühlt sich schon sehr sicher. Aber da ist diese Frau mitten unter den Menschen. Anita G. ist eine Person, die nicht auf Stetigkeit angelegt ist, sie durchquert die Welt und auch die Zeiten. Sie lebt in mehreren gleichzeitig, das ist das Wesen der Traumatisierung, sie lebt das Motto, das Alexander Kluge dem Film vorangestellt hat: Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage. Anita G. (Alexandra Kluge) ist auf veränderte Lagen spezialisiert. Sie versucht, aus jeder neuen Chance das Beste zu machen: ein neuer Mann, eine neue Arbeit, ein neues Zimmer, für das sie schon bald wieder die Miete schuldig bleibt. Wo soll ich hingehen? Eine Frage, die man 1966 in der BRD nicht so leicht verstand, wähnte man sich doch als Land angekommen im richtigen System, der Freiheit nämlich.
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Regisseur( e): Alexander Kluge
Drehbuch: Alexander Kluge
Darsteller: Alexandra Kluge, Hans Korte, Josef Kreindl, Günther Mack, Harald Patzer, Alfred Edel, Fritz Bauer, Alexander Kluge u.a.
Produktionsjahr: 1965/66
Spieldauer: 84 Min.
Sprache/Ton: deutsch, schwarz/weiß / Dolby Digital 2.0 (Mono)
Bildformat: 1,33:1
FSK: 16 Jahre
Extras: Filmgespräch
Buchtitel: Abschied von gestern - FAZ DVD
Buchautor: Alexander Kluge