„Unter den Brücken“ – Ein Film von Helmut Käutner. F.A.Z. Filmedition „Momente des deutschen Films“.
Mit Unter den Brücken befreite Helmut Käutner den deutschen Film aus dem Nationalsozialimus
Die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam ist in vielerlei Hinsicht ein historischer Ort. Auch einer der großen Filme der deutschen Filmgeschichte hat hier seinen wichtigsten Schauplatz: Unter den Brücken von Helmut Käutner. Die beiden Binnenschiffer Hendrik (Carl Raddatz) und Willy (Gustav Knuth), die auf ihrem Schlepper zwischen Berlin und Rotterdam unterwegs sind, legen eines Nachts wie gewohnt unter der Glienicker Brücke an. Sie werden Zeugen, wie eine junge Frau mit Tränen in den Augen einen Zehnmarkschein ins Wasser wirft. Da sie es dem Anschein nach mit einer Lebensmüden zu tun haben, gehen sie an Land und bieten ihre Hilfe an. Zögernd nur lässt Anna sich überreden, die Nacht in der Kajüte der Liese-Lotte zu verbringen - bis zum nächsten Hotel in Potsdam wären es zehn Kilometer, und der Schlepper soll am Tag darauf ja ohnehin nach Berlin fahren, wo Anna in einem möblierten Zimmer ganz allein lebt.
Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine wunderbare Liebesgeschichte zwischen drei Menschen, denen das Glück nicht in die Wiege gelegt wurde. Die beiden Männer sind ganz dem Leben auf dem Kahn verpflichtet. Sie haben elf Jahre gespart, bis sie ihn sich leisten konnten, nun ist ihr Auskommen daran geknüpft, und das bedeutet eben auch: Schiffermütze statt feinem Hut, Teer unter den Fingernägeln, jede Nacht an einem anderen Ort. Anna wiederum bäckt bei Jaenicke's an der Jannowitzbrücke tagtäglich stundenlang Kartoffelpuffer; das ist auch kein Leben für eine junge Frau, die sonntags von der Glienicker Brücke aus sehnsüchtig auf die Boote mit den Kavalieren und den schönen Frauen blickt, die es sich gutgehen lassen. Anna aber hat nur ihre Familie in Schlesien und ein offensichtlich dunkles Geheimnis, das die Geschichte mit dem Zehnmarkschein erklären helfen würde.
Es braucht eine lange, poetische Szene in der Abenddämmerung, um Annas Misstrauen vorerst einmal zu besänftigen. Hendrik, nach außen ein rauher Bursche, in Wahrheit aber ein feinfühliger Mann, erschließt dem verängstigten Passagier die Geräusche auf dem Wasser: den Wind im Schilf, das Reiben der Taue, das Quaken der Frösche. Für ihn ist das alles eine feine Musik, ohne die er nicht mehr einschlafen könnte. Und so schläft Anna dann auch einigermaßen beruhigt ein und wacht am nächsten Morgen erst um 10 Uhr wieder auf. Da haben Hendrik und Willy schon einen Pakt geschlossen: Wer mit dem Mädchen nicht klarkommt, muss vom Kahn. Sie sind nun Rivalen um das Herz von Anna, und sie glauben zu wissen, dass keiner von beiden es verschmerzen könnte, wenn er der Verschmähte wäre.
Dass sie beide längst reif für eine Verehelichung sind, hat Käutner davor schon in einer komischen Szene in einem Café gezeigt, in der die beiden Schiffer derselben Kellnerin den Hof machen, getrennt nur durch eine Wand, die ihnen die Sicht aufeinander versperrt. Das Motiv der galanten Konkurrenz und der ewigen Männerfreundschaft zieht sich durch den ganzen Film, in dem es nicht nur darum geht, die Hindernisse auszuräumen, die zwischen den drei Leuten und dem Glück liegen sondern auch, ein Lebensmodell zu finden, in dem der Kahn und die Liebe Platz haben. Der Widerspruch, der sich zwischen romantischer Intimität und den profanen Erfordernissen auftut, wird nirgends deutlicher als in der Szene mit der Gans, die auch auf dem Boot lebt und die Anna am ersten Morgen sofort ins Herz schließt. Sie identifiziert sich unbewusst ein wenig mit dem Federvieh, das übrigens tatsächlich den Namen einer früheren möglichen Braut trägt. Hendrik, dessen Feinfühligkeit sich erst allmählich wieder schärfen muss, bemerkt nicht, dass die Gans für Anna mehr ist als nur ein zukünftiger Braten. Er schlachtet sie, schiebt sie in den Ofen, und dann sitzen die drei Menschen am Abend ihres ersten gemeinsamen Tages in der Kajüte, und niemand will das Festmahl so richtig schmecken.
Weitere spannende Informationen und Hintergrundgeschichten befinden sich im ausführlichen Booklet zur DVD. Extra: Interview zum Film mit einem F.A.Z.-Redakteur!
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Regisseur( e): Helmut Käutner
Buch: Walter Ulbrich, Helmut Käutner
Darsteller: Hannelore Schroth, Carl Raddatz, Gustav Knuth, Ursula Grabley u.a.
Produktionsjahr: 1944/45
Spieldauer: 96 Min.
Sprache/Ton: deutsch, schwarz/weiß / Dolby Digital
Bildformat: 1,33:1
FSK: 12 Jahre
Extras: Filmgespräch
Buchtitel: Unter den Brücken - FAZ DVD
Buchautor: Helmut Käutner