„Die innere Sicherheit“ – Ein Film von Christian Petzold. F.A.Z. Filmedition „Momente des deutschen Films“.
Christian Petzold zieht mit Die innere Sicherheit eine Bilanz des deutschen Linksterrorismus
Wir fahren nach Deutschland: Dieser Satz sollte eigentlich ganz selbstverständlich sein für eine Familie aus Deutschland, für drei Menschen wie Hans, Clara und Jeanne. Sie sind gerade in Portugal, ein unauffälliges Paar in mittleren Jahren mit einer Tochter, die eigentlich zur Schule gehen müsste, hier aber still in einer Strandbar sitzt und den Surfern zusieht, die auf eine gute Welle warten. Einer von ihnen kommt herüber und raucht mit ihr eine Zigarette. Er heißt Heinrich, er erzählt ihr von einem großen Haus in Hamburg, aus dem er und sein Vater ausgezogen sind, nachdem sie ihre Mutter tot im Pool gefunden haben - Selbstmord nach Depressionen. Heinrich und Jeanne haben gerade genug Zeit, einander ein paar Sachen zu erzählen, eine Nacht auf der Hafenmole herumzusitzen und einen Kuss auszutauschen. Dann kommen die Eltern von Jeanne. Wir müssen hier weg, sagen sie, und als die Tochter aufbegehrt, machen sie ihr unmissverständlich klar, dass es keine Alternative gibt.
Die seltsame Anspannung, die Hans (Richy Müller) und Clara (Barbara Auer) ausstrahlen, bekommt in Christian Petzolds Die innere Sicherheit erst allmählich ein konkretes Motiv. Sie sind auf der Flucht, das wird bald deutlich, aber wovor? Dass sie nach Deutschland zurückfahren, erweist sich für die Familie als so etwas wie der letzte Weg, denn eigentlich hätten sie allen Grund, sich von hier fernzuhalten. Hans und Clara werden mit Haftbefehl gesucht, sie waren früher einmal Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Dass es sich dabei um die Rote Armee Fraktion (RAF) handelt, macht Christian Petzold vor allem durch Details deutlich. Er bezieht sich auf die Codewörter, die unter den gewalttätigen Systemkritikern und Gesellschaftsveränderern verwendet wurden - das Buch Moby Dick von Herman Melville zum Beispiel wurde für Verschlüsselungen verwendet.
Auch die vielen Erddepots, die von der RAF angelegt worden waren, tauchen in Die innere Sicherheit wieder auf, denn es sind nicht zuletzt finanzielle Gründe, die Hans und Clara und Jeanne dazu zwingen, nach Deutschland zurückzukehren. Hier gibt es nicht nur die Reste der alten kriminelle Infrastruktur, hier gibt es auch die alten Mitstreiter und Sympathisanten, Menschen, die überwiegend nicht mehr daran erinnert werden wollen, dass sie die RAF einmal unterstützt hatten. Sie sind heute reiche Anwälte oder erfolgreiche Verleger. Hans und Clara müssen ihnen erscheinen wie Wiedergänger, Abgesandte einer Zeit, von der sie sich mit deutlichen Worten distanzieren: Ich habe mit der ganzen Scheiße nichts mehr zu tun.
Das Mädchen Jeanne (Julia Hummer) ist die Geisel auf dieser Fluchtbewegung. Sie ist eine brave, ja disziplinierte Tochter, die so gut wie möglich versucht, das unstete Leben, zu dem ihre Eltern sie nötigen, einfach mitzumachen und niemand in zusätzliche Schwierigkeiten zu bringen. Doch sie hat nun ein Alter erreicht, in dem sie Ansprüche auf ein eigenes Leben geltend machen kann. Das betrifft zuerst einmal so einfache Sachen wie die Kleidung. Überangepasstheit kann auch auffällig wirken, sagt sie zu ihrem Vater, als der ihr wieder einmal eine besonders peinliche Jacke mitbringt. Ein gelbes Sweatshirt mit der Biene Maja auf der Brust trägt ihr allerdings später von einem Mädchen gleichen Alters ein Kompliment ein, das weniger zweideutig ist, als es klingt: Krankes Shirt!
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Regisseur( e): Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki
Darsteller: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingül, Günther Maria Halmer u.a.
Produktionsjahr: 2000
Spieldauer: 102 Min.
Sprache/Ton: deutsch / Dolby Digital 5.1
Bildformat: 1,66:1
FSK: 12 Jahre
Extras: Filmgespräch
Buchtitel: Die innere Sicherheit - FAZ DVD
Buchautor: Christian Petzold