„Menschen am Sonntag“ – Ein Film von Robert Siodmak & Edgar G. Ulmer. F.A.Z. Filmedition „Momente des deutschen Films“.
Nichts für Schlafmützen: Menschen am Sonntag zeigt die Weimarer Republik als freie Massengesellschaft
Der Schriftsteller Carl Bulcke (1875 bis 1936) galt zu seiner Zeit als außergewöhnlicher Schilderer der Wirklichkeit. In die Literaturgeschichte ist er trotzdem nicht eingegangen, sein Name ist heute nur noch Spezialisten geläufig. Dafür hat er Filmgeschichte geschrieben mit einer einzigen Einstellung in Menschen am Sonntag, in der eine Zeitung zu sehen ist, die 1929 Bulckes Roman Und so verbringst du deine kurzen Tage abdruckte. Mit diesem Bild, das an Schärfe gewinnt, weil neben der Zeitung ein Mannekin im Bett liegt und einen schönen Sonntag verschläft, hat sich diese bedeutende Gemeinschaftsproduktion des deutschen Kinos 1929 ihr Motto gegeben. Denn Bulckes Romantitel ist ja nichts anderes als eine ins leicht Moralisierende gewendete Version der berühmten Parole Carpe diem.
In der modernen Gesellschaft der Arbeitenden und Angestellten bietet sich dafür nur ein einziger Tag in der Woche an: Der Sonntag muss genützt werden, aus dem Sonntag wollen die Menschen das herausholen, was ihnen der Rest der Woche nicht bietet. Und so schickte sich 1929 eine Gruppe talentierter junger Leute an, zu diesem Thema einen Film zu machen, der ganz und gar zeitgemäß sein wollte - und es auch war. Die fünf Figuren, die im Mittelpunkt der Geschichte stehen, werden allesamt mit ihren Berufen vorgestellt - und schon zu Beginn wird vermerkt, dass sie nach den Dreharbeiten auch wieder zu ihrer angestammten Arbeit zurückkehrten.
Von dem leutseligen Erwin Splettstößer wird sogar die Nummer der Taxe vermerkt, die er fährt: IA 10028. Die blonde Brigitte Borchert, die in einem Geschäft der Electrola arbeitet, hat in den vergangenen Wochen 150 Mal den Hit In einer kleinen Konditorei verkauft. Wolfgang von Waltershausen, ein Mann mit einer schillernden Karriere unter anderem als Eintänzer, wird gegenwärtig als Weinreisender geführt - er hat das Zeug zum Herzensbrecher, er wird auch diesen Sonntag für eine Eroberung nutzen. Christl Ehlers, ein Mädchen mit ganz zeitgenössischem Haarschnitt, läuft sich während der Woche als Filmkomparsin die Absätze ab, während von Annie Schreyer nicht viel mehr bekanntgegeben wird als ihr Beruf und eine wesentliche Eigenschaft: Sie ist das Mannekin, das seine kurzen Tage leichthin ausschlägt und sich lieber im Bett noch einmal umdreht.
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Regisseur( e): Robert Siodmak & Edgar G. Ulmer
Drehbuch: Billy Wilder
Darsteller: Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers, Annie Schreyer u.a.
Produktionsjahr: 1929/30
Spieldauer: 79 Min.
Sprache/Ton: deutsch, schwarz/weiß, stumm / Dolby Digital 5.1
Bildformat: 1,33:1
FSK: 0 Jahre
Extras: Filmgespräch
Buchtitel: Menschen am Sonntag - FAZ DVD
Buchautor: Carl Bulcke